11.01.2019

Boom-Region am Scheideweg – Welche Perspektiven hat Südoldenburgs Landwirtschaft?

Vor den rund 250 Landwirten und Gästen informierten die vier Politiker Susanne Mittag (SPD), Albert Stegemann (CDU), Friedrich Ostendorff (Bündnis 90 Die Grünen) und Dr. Gero Hocker (FDP) in einem Impulsvortrag und einer anschließenden Podiumsdiskussion über aktuelle Entwicklungen und machten ihre Standpunkte deutlich. Welche Themen den Landwirten unter den Nägeln brennen, hatten 14 Junglandwirte aus der Region im Vorfeld in einem Workshop bei der LBD erarbeitet. Stellvertretend für die Gruppe formulierten Felix Heil, Fladderlohausen, Daniel Erdwien, Bohmte, und Georg Wernke-Schmiesing aus Rüschendorf ihre Fragen: „Wie muss heute ein Stall gebaut werden, der auch in 20 Jahren noch den Anforderungen an Baurecht, Tierwohl und Tierschutz gerecht wird?“, „Wie kann der Austausch von Nährstoffen verbessert werden?“, „Wie können wir zu hohen deutschen Standards produzieren, wenn wir  nach niedrigeren internationalen Standards vermarkten müssen?“, lauteten einige ihrer Fragen. Moderiert von Dr. Ludger Schulze Pals, Chefredakteur der „top agrar“, kamen Themen wie Ferkelkastration, Kastenstand, Tierwohl und Düngeverordnung ebenso zur Sprache wie baurechtliche Forderungen, Umweltaspekte, Kostendruck, Bürokratie und Verbraucherverhalten.

Aktueller Diskussionspunkt war die gerade von der großen Koalition durchgesetzte Fristverlängerung bei der betäubungslosen Ferkelkastration. Die Frage, welche der vier alternativen Möglichkeiten wie Ebermast, Immunoimpfung, Narkose oder Lokalanästhesie zukünftig die Beste sei mit Blick auf Kosten, Tierschutz und Wettbewerbsfähigkeit, führte zu regen und emotionalen Diskussionen auch unter den Landwirten. „Das Problem liege im deutschen Tierschutzgesetz, das die vollkommene Ausschaltung des Schmerzes vorschreibe, während in anderen europäischen Ländern nur eine Schmerzlinderung gefordert werde, machte Dr. Hocker deutlich. „Wir werden das Tierschutzgesetz aber nicht aufmachen“, betonte Stegemann dazu. Es müssten jetzt laufende Studien abgewartet werden. Um Tierschutz geht es auch beim neuen staatlichen Tierwohl-Label, das laut Susanne Mittag zu einer größeren Glaubwürdigkeit bei den Verbrauchern führen würde, da es Schweine, Geflügel und Rinder umfasse und zwar von der Geburt bis zur Vermarktung. In der Diskussion der einzelnen Themen wurde deutlich, wie engmaschig die Problemfelder miteinander verwoben sind. So könnte die Haltung in Offenställen zwar die Anforderungen des Tierwohl-Labels erfüllen, aber gleichzeitig zu mehr Emissionen führen.

Nicht alle Fragen konnten ausreichend beantwortet werden. Eines wurde aber deutlich, es gibt kein Standardkonzept, das für alle Betriebe passt. Die Landwirte wünschen sich mehr Freiräume für unternehmerisches Handeln nach ihrem eigenen Ermessen und eine ganz wichtige Forderung: Es muss mehr Bürokratie abgebaut werden. In einem Punkt waren sich alle Parteimitglieder einig, dass die Existenz der bäuerlichen Familienbetriebe in der Region langfristig gesichert werden muss.
 
Einmal jährlich lädt die Landwirtschaftliche Bezugsgenossenschaft eG zu dem „Dammer Veredlungstag“ ein. „Die große Resonanz zeigt uns, dass wir mit den ausgewählten Themen eine wichtige Informationsquelle für unsere Mitglieder geworden sind“, so Stephan Sander, stell. Vorstandsvorsitzender der LBD. Vorstandsvorsitzender Heinrich Hentemann dankte den Akteuren und besonders den Junglandwirten für ihren Beitrag zum „Dammer Veredlungstag“. Es sei geplant, die Junglandwirte zukünftig stärker in Projekte einzubeziehen.